Mai. Sturz. Weiter.
- Andy

- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Jan.
Mehr muss man eigentlich nicht sagen, und doch steckt in diesen drei Worten ein ganzer Sommer. Seit meinem letzten Beitrag Ende Mai ist viel passiert: Ein Abend mit Freunden, Alkohol, Fahrradfahren, nasser Asphalt, ein Moment Unachtsamkeit, Schmerz, Schulter kaputt. Und dann dieses ungeplante Innehalten, das einen zwingt, die Dinge anders zu sehen. Nicht freiwillig, aber notwendig.
Der Sturz am 01.06. selbst war ein kurzer Moment. Ein Geräusch, ein Aufprall, ein Schock – und dann nichts. So stelle ich es mir zumindest vor. Denn an diesen Moment habe ich tatsächlich keine bewusste Erinnerung. Was zwischen dem Moment, nachdem ich losgefahren war, und dem Aufwachen im Krankenhaus passiert ist, kann ich nur erahnen. Der Aufprall auf die Schläfe war wohl heftiger als gedacht. Denn erst dort kam ich wieder zu mir, während um mich herum Untersuchungen liefen. Doch das war nur der Anfang.
Was danach kam, hat länger nachgehallt. Die Schulter hat sofort klargemacht, dass etwas nicht stimmt. Ein Schmerz, der nicht einfach nur „weh“ tut, sondern der dir sagt: "Hier ist jetzt erst mal Schluss, Freundchen, Ende Gelände!"
Jede Bewegung ein Stich, der minutenlang unerträglich ist.
Ich würde dazu sagen: „Schulter geschrottet, haste toll hinbekommen, Andy.“
Die Ärztin formulierte es etwas sachlicher: „Sie haben sich eine komplizierte Schulterverletzung zugezogen. Ungewöhnlich und in dieser Kombination sehr selten, sehr schmerzhaft. Um eine Operation werden Sie nicht herumkommen. Wie lange das voraussichtlich dauert? Rechnen Sie mal mit einem Jahr."
Diagnose: Klavikulafraktur Übergang mittleres/laterales 1/3 links, AC‑Gelenkluxation Rockwood V, links
Du bist, wie ich, kein Mediziner? Ok, schau her, so sieht das aus, wenn's kaputt ist:

Leicht verständlich ausgedrückt: Schlüsselbein gebrochen und am Schultereckgelenk, das ich bis dahin nicht einmal namentlich kannte, alle Bänder abgerissen.
Wenn ich etwas mache, dann ganz oder gar nicht. Halbe Sachen liegen mir nicht.
Das Bittere daran war allerdings nicht nur der Schmerz. Es war dieses Gefühl, aus einem Leben gerissen zu werden, das gerade erst wieder Fahrt aufgenommen hatte. Nach den dunklen Monaten, nach all dem inneren Kampf und Wiederaufbau, nach dem ersten echten Aufatmen seit langer Zeit – und dann plötzlich eine Vollbremsung. Nicht mental diesmal, sondern körperlich. Aber der Effekt war ähnlich: ein abruptes Stoppschild mitten auf einer Strecke, die sich endlich wieder gut angefühlt hatte.
Ich war wütend. Traurig. Erschöpft. Und gleichzeitig fast schon beschämt, dass mich so ein Sturz wieder so weit zurückwerfen konnte. Aber Verletzungen haben ihre eigene Logik. Sie interessieren sich nicht dafür, wie weit man gekommen ist oder wie sehr man sich nach Normalität sehnt. Sie zwingen einen, langsamer zu werden. Ob man will oder nicht.
Am 11.06. folgte die erste OP, in der beide Verletzungen behoben wurden. Ein Datum, das sich eingebrannt hat, nicht weil ich Angst hatte, sondern weil es der Moment war, an dem klar wurde: jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Einer, den ich mir nicht ausgesucht, aber den ich mir seit dem Sturz mehr als alles andere herbeigesehnt hatte.
Die Stunden davor hatten etwas Surreales. Ich lag da, wartete — etwas ängstlich, denn es war der erste große Eingriff dieser Art — und doch spürte ich gleichzeitig dieses merkwürdige Gefühl von Erleichterung. Endlich würde etwas passieren. Endlich würde jemand die Dinge wieder dorthin bringen, wo sie hingehören. Der Gedanke an die OP war nicht angenehm, aber er war der einzige Weg raus aus diesem Stillstand.
Und dann kam der Moment, an dem alles plötzlich schnell ging.
Gewusel, Elektroden hier und dort, ein venöser Zugang, der gelegt wurde, und die Worte: „Sie können sich entspannen, wir haben alles unter Kontrolle, wir kümmern uns. Schlafen Sie doch ein bisschen.“ Danach, ganz abrupt, wie beim Lichtschalter, ging auch bei mir das Licht aus.
Die OP selbst war ein schwarzes Loch im Zeitstrahl. Einschlafen. Aufwachen. Dazwischen nichts. Aber das Aufwachen danach war ein Moment, den ich nicht vergessen werde: der Körper schwer, der Kopf benebelt und Schmerzen, die mir bis dahin in dieser Intensität fremd waren. Hallo Oxycodon!
Und trotzdem — ein Anfang. Ein Schritt, der nicht schön war, aber unvermeidlich.
Du fragst dich, was sie in dieser OP gemacht haben? Kurz gesagt: Sie haben ordentlich aufgeräumt.
Etwas ausführlicher: Mein Schlüsselbein wurde reponiert und mit einer Lochplatte fixiert. Das AC‑Gelenk und die abgerissenen Bänder haben sie mittels Hakenplatte und Zuggurtung wieder dorthin gebracht, wo sie hingehören. Metall, Schrauben, Zug — ein kleines Bauprojekt in meiner Schulter. Titan, Baby.

Die ersten Tage nach der OP waren eine Mischung aus fast unerträglichen Schmerzen, starken Schmerzmitteln, die das Ganze nur ein wenig abdämpften, und diesem seltsamen Gefühl, dass die Schulter zwar wieder zusammengebaut war, aber noch nicht wirklich zu mir gehörte. (Anmerkung vom 30.12.2025: dieses Gefühl habe ich sogar heute noch, mehr als ein halbes Jahr nach dem Unfall.)
Jede Bewegung glich einem größeren Projekt, jedes Aufrichten einem Kraftakt. Schlafen ging nur in Etappen, und Atmen fühlte sich an, als müsste ich es neu lernen. Klingt komisch, ist aber so. Wenn du wüsstest, welche Muskeln bei einer schweren Schulterverletzung in Mitleidenschaft gezogen werden…
Dinge, über die man vorher nie nachgedacht hat: wie viele kleine Bewegungen eigentlich aus der Schulter kommen, wie sehr selbst banale Abläufe davon abhängen, dass dort alles funktioniert. Zähneputzen, duschen, sich unter den Achseln waschen, eine Tasse halten, ein T‑Shirt anziehen — plötzlich waren das Aufgaben mit Planungsbedarf. Und jedes Mal, wenn ich dachte „das wird schon gehen“, hat mir der Körper sehr deutlich gezeigt, dass es eben doch noch nicht geht.
Die Wochen danach wurden nicht unbedingt leichter, aber berechenbarer. Der Schmerz veränderte sich, wurde weniger scharf, dafür konstanter. Die Tage ähnelten sich: kühlen, schonen, vorsichtig bewegen, wieder kühlen. Fortschritte gab es, aber sie waren so klein, dass man sie nur bemerkte, wenn man ganz genau zurückblickte. Und irgendwann verschwammen die Wochen ineinander — Routine statt Entwicklung. Warten statt Vorankommen.
Erst Ende November, mit Beginn der Reha, kam wieder Bewegung in die Sache. Aber bis dahin war es ein langer, gleichförmiger Weg. Ein notwendiger, aber zäher Abschnitt.




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